Gaming als Rückzugsort – Auswirkungen von digitalen Spielen auf Emotionen
von Louis Lory und Julia Sakretz
Früher trafen sich Jugendliche nach der Schule auf dem Bolzplatz, im Park oder im Jugendzentrum. Heute schalten viele ihren Computer oder ihre Konsole ein und betreten digitale Welten. Was für ältere Generationen oft nur wie ein Zeitvertreib wirkt, ist für viele junge Menschen ein zentraler sozialer und emotional aufgeladener Raum geworden. Spiele wie Fortnite oder Minecraft sind längst mehr als bloße Unterhaltung – sie fungieren als Treffpunkte, Kommunikationsplattformen und wichtige Orte der Gefühlsregulation.
Viele Eltern und Lehrkräfte machen sich derweil Sorgen um das Gaming-Verhalten ihrer Kinder und Jugendlichen. Oft wird davon gesprochen, dass regelmäßiges Spielen zu einem gesteigerten Aggressionspotenzial oder sozialen Ängsten führen soll. Doch haben Computerspiele tatsächlich einen solchen Einfluss auf die Emotionen heranwachsender Gamerinnen und Gamer? Wie kann sich regelmäßiges Gaming auf die Gefühlswelt von Jugendlichen auswirken? Dieser Beitrag ordnet aktuelle Erkenntnisse ein und richtet den Blick insbesondere auf die positiven Effekte von Gaming.
Videospiele als Faktor für Emotionsregulation
Wenn es um die emotionalen Auswirkungen von Gaming geht, wird häufig über mögliche Gefahren diskutiert und die häufige Nutzung von Videospielen mit Kontrollverlust über die eigenen Gefühle und Isolation gleichgesetzt. Studien der letzten Jahre zeigen hingegen ein Bild, das dem widerspricht und heben die positiven Effekte auf das Innenleben von Gamerinnen und Gamern hervor.
Der offizielle “PowerofPlay” Report von 2025 hat mit Teilnehmenden aus 21 verschiedenen Ländern eine globale Studie zu den positiven Effekten von Videospielen vorgelegt. Darin wurde unter anderem nachgewiesen, dass Gaming bei einem Großteil der Community zur Stressreduktion beiträgt, was gerade bei einem hektischen Alltag als gesunder Ausgleich dienen kann. Über alle Altersgruppen hinweg sind es in Deutschland bereits über die Hälfte der Befragten (55%), die unter anderem auch aufgrund von Stressreduktion und Entspannung zur Konsole greifen. Auch 39 Prozent der deutschen 16- bis 18-Jährigen geben diesen Grund als ihre Hauptmotivation für das Spielen an.
Eine Annahme, die in der Gaming-Community schon seit langem bekannt ist: Gaming kann glücklich machen. Das bestätigt eine Studie, die von 2020 bis 2022 während der Corona-Pandemie in Japan durchgeführt wurde. Dabei wurden verschiedene Konsolen verlost, um zu untersuchen, wie sich das Besitzen einer solchen auf das Wohlbefinden der Teilnehmer:innen auswirkt. Das Ergebnis war vorrangig positiv, wobei der Effekt abnimmt, wenn länger als drei Stunden täglich gespielt wird.
Eine Studie der Universität Oxford von 2022 kommt zum Ergebnis, dass Gaming keinerlei Einfluss auf die mentale Gesundheit von Spielerinnen und Spielern hat – weder einen positiven noch einen negativen – entscheidend sei nur, mit welcher Motivation gespielt wird.
Ein weiteres Gefühl, das durch regelmäßiges Spielen reguliert beziehungsweise verringert werden kann, ist Angst. Einer amerikanischen Studie von 2018 zufolge können Videospiele sogar in der Therapie von PTBS und bei der Verringerung von Flashbacks angewendet werden. Wird direkt nach einem Flashback ein beruhigendes Videospiel gespielt, verringern sich die negativen Auswirkungen für Betroffene deutlich.
Obwohl die Studien je Untersuchungsschwerpunkt zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, widerspricht die Summe der Studien mit positiven Auswirkungen der Annahme, dass Videospiele die Gefühle von Kindern und Jugendlichen ausschließlich hochkochen lassen, bis diese explodieren. Stattdessen können sie die turbulente Innenwelt Heranwachsender regulieren und “besänftigen”, als Ausgleich dienen und beim “Herunterkommen” helfen. Häufig, wobei dies natürlich von der Art des Spiels, Nutzungsdauer und -art abhängt, kommen dabei keine negativen Gefühle wie Wut oder Angst auf – sondern es kann dazu beitragen, diese abzubauen.
Wie Gaming soziale Beziehungen stärkt
Ein Risiko, das ebenfalls häufig mit Gaming in Verbindung gebracht wird, ist die Gefahr der Vereinsamung. Dass mehr Zeit vor der Konsole weniger Zeit im Freien bedeutet, ist selbst ohne wissenschaftliche Belege naheliegend. Doch das bedeutet nicht, dass Kinder und Jugendliche sich deswegen auch häufiger allein fühlen müssen.
Die Gaming-Welt hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert: Während früher viele Spiele allein gespielt wurden, steht heute der Online-Multiplayer im Mittelpunkt. Millionen Menschen können gleichzeitig in virtuellen Welten miteinander interagieren. Dabei geht es nicht nur darum, Gegner zu besiegen oder Missionen zu erfüllen, sondern vor allem um das gemeinsame Erleben. In Multiplayer-Spielen bilden sich Teams, sogenannte Clans oder Gilden, in denen Spielerinnen und Spieler Strategien entwickeln, sich gegenseitig unterstützen und gemeinsame Ziele verfolgen. Diese Zusammenarbeit erfordert Kommunikation, Vertrauen und Koordination – Fähigkeiten, die auch im realen Leben von Bedeutung sind. In einem der letzten GameFrame-Beiträge zu sozialen Beziehungen in Games wurden die Vor- und Nachteile von Gaming-Communities ausführlich diskutiert.
Neben dem aktiven Spielen hat sich auch das Zuschauen beim Spielen anderer zu einem sozialen Erlebnis entwickelt. Die Vorstellung vom isolierten Gamer und der einsamen Gamerin entspricht oft nicht mehr der Realität. Auf Plattformen wie Twitch verfolgen Millionen Menschen live, wie andere spielen. Auch dabei entsteht eine eigene Community: Zuschauerinnen und Zuschauer tauschen sich im Chat aus, kommentieren Spielzüge oder reagieren gemeinsam auf spannende Momente. Trends, Insider-Witze und gemeinsame Erlebnisse stärken das Zugehörigkeitsgefühl und prägen die Identität vieler junger Menschen. Auf diese Art können Online-Communities emotionale Unterstützung bieten. Gerade für Jugendliche, die sich im realen Umfeld ausgeschlossen fühlen, kann Gaming ein Ort sein, an dem sie Anerkennung erfahren und Teil einer Gemeinschaft werden.
Reflektierter Umgang mit Gaming und Emotionen
Einige der Studien kommen zum Schluss, dass es neben den Auswirkungen auch um die Herangehensweise an Gaming geht. Kinder und Jugendliche sollten früh lernen, digitale Spiele nicht nur zu konsumieren, sondern sie auch zu reflektieren: Welche Inhalte werden dargestellt? Welche Emotionen lösen sie aus – und warum? Wann kann sich Spielen hilfreich anfühlen und wann nicht? Der bewusste Umgang mit Spielzeiten, Inhalten und dem eigenen Verhalten im Spiel ist zentral. Eltern und Bezugspersonen können diesen Prozess aktiv begleiten, indem sie Interesse zeigen und nachfragen oder sich selbst einen Einblick in die gespielten Games und die beim Kind ausgelösten Gefühle verschaffen. Gleichzeitig ist es wichtig, klare Regeln zu vereinbaren – etwa zu Spielzeiten, altersgerechten Inhalten oder Pausen. So wird Gaming nicht zum unkontrollierten Rückzugsort, sondern zu einem reflektierten Teil des Alltags.
Abschließend lässt sich sagen, dass Gaming dabei helfen kann, negative Gefühle wie Stress, Angst oder Wut abzubauen und positive Gefühle, gerade das Gefühl der Verbundenheit mit anderen, zu verstärken, auch wenn die Risiken nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Wie bei der Gefühlsregulation allgemein gilt auch beim Gaming: Eine ausgewogene Balance und reflektierte Nutzung ist der Schlüssel zu einem gesunden Umgang.
Hinweis: Das Beitragsbild wurde mithilfe von künstlicher Intelligenz erstellt.
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