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30. April 2026

Neurodiversität und Gaming

Warum Gaming für neurodivergente Kinder und Jugendliche fördernd sein kann

von Louis Lory

Circa 15 bis 20 Prozent der Weltbevölkerung sind neurodivergent. Das heißt: Sie fühlen und denken grundlegend anders als neurotypische Personen. Die bedürfnisorientierte und individuelle Erziehung sowie pädagogische Betreuung neurodivergenter Kinder und Jugendlicher ist eine der großen Aufgaben und Herausforderungen, für Eltern und Angehörige sowie pädagogische Fachkräfte.

Spannend aus Sicht der Medienpädagogik ist: Neurodivergente Kinder und Jugendliche sind besonders anfällig dafür, eine Leidenschaft für digitale Spiele zu entwickeln. Warum können Videospiele besonders neurodivergente Kinder begeistern und ihnen helfen? Und wie können neurodivergente Kinder und Jugendliche in der Welt der Games unterstützt werden?

Hinweis zur Sprachsensibilität
In diesem Artikel werden die Begriffe neurotypisch und neurodivergent verwendet. Diese sind nicht wertend gemeint, sondern erläutern die Unterschiede in Wahrnehmung und Denken. Es ist wichtig, neurotypische Gehirne nicht als „normal“ zu bezeichnen, weil das indirekt ableistische Sprache fördert. Unsere Gesellschaft ist stark von neurotypischen Denkmustern und Normen geprägt, die für Menschen, die aus diesem Raster fallen, zu Herausforderungen werden können. Die Begriffe helfen dabei, diese Strukturen sichtbar zu machen, auch wenn langfristig eine Auflösung der scharfen Trennlinie zwischen neurotypisch und neurodivergent angestrebt werden sollte, da alle Gehirne auf ihre individuelle Art einzigartig sind.

Neurodiversität - Was ist das eigentlich?

Das Thema Neurodiversität gewinnt in den letzten Jahren immer mehr an Sichtbarkeit. Der Begriff macht darauf aufmerksam, dass wir alle unterschiedlich denken, handeln und fühlen. Neurodivergenz hingegen beschreibt Gehirne, die in ihren Funktionsweisen so stark von denen neurotypischer Menschen abweichen, dass es zu mehr oder weniger starken Auffälligkeiten kommt. Unter diesen Sammelbegriff fallen unter anderem Autismus, ADHS und Hochsensibilität.

Neurodivergente Menschen nehmen die Welt um sie herum grundlegend anders wahr und verfügen häufig über eine ausgeprägte Sensibilität, die individuelle Stärken und Herausforderungen mit sich bringt. Durch ihre detailorientierte Wahrnehmung verarbeiten sie Eindrücke sehr intensiv, was schnell zu einer Reizüberflutung führen kann. Deswegen ist es besonders wichtig, neurodivergente Kinder und Jugendliche und ihre individuellen Bedürfnisse zu verstehen, ernst zu nehmen und auf sie einzugehen.

Neurodivergenz und Gaming - ein gutes Match!

Viele Menschen denken beim Stichwort Gaming sofort an blinkende Lichter, kurze Reaktionszeiten und eine überbordende Geräuschkulisse. Dadurch kann schnell der Eindruck entstehen, dass Videospiele tendenziell eher für neurotypische Menschen geeignet sind, die die vielen Reize besser filtern können. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Studien zeigen, dass neurodivergente Menschen besonders gerne in digitalen Welten versinken. Einer Untersuchung der britischen Organisation „Internet matters“ zufolge liegt der Anteil der neurodivergenten Heranwachsenden in den USA und Großbritannien mit einer Affinität für Videospiele bei circa 90 Prozent. Auch lokale Tests kommen zu einem ähnlichen Ergebnis: Das Autismus-Therapiezentrum Oldenburg beispielsweise geht davon aus, dass im Südwesten Deutschlands circa 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen auf dem Autismus-Spektrum Videospiele spielen. Gleichzeitig sind sie dadurch auch anfälliger dafür, einen problematischen Medienkonsum zu entwickeln, wie zum Beispiel eine Studie aus dem Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie zeigt. Doch was steckt dahinter?

Games als neurodivergente Safe Spaces

Für neurodivergente Heranwachsende kann es schwierig sein, sich in einer neurotypischen Welt, die nicht für sie gemacht ist, zurechtzufinden. Lärmende Klassenzimmer, starre Lernkonzepte oder Erziehungsmethoden erreichen sie häufig nicht. Ihre sensorische Feinfühligkeit und eigene Art der Kommunikation können schnell dazu führen, dass sie von anderen abgewertet oder missverstanden werden und das Gefühl bekommen, „falsch“ zu sein.

Videospiele können als digitale Rückzugsorte fungieren, in denen sich neurodivergente Kinder und Jugendliche ohne Angst vor Beurteilung entfalten und ausprobieren können. Sie können sich ganz bewusst Spiele heraussuchen, die ihre Stärken hervorheben und trainieren, sie beruhigen oder auf produktive Art herausfordern (was unter anderem bei einer Hochbegabung hilfreich sein kann). Auch ihren Spezialinteressen, ein für Neurodivergenz typisches Merkmal, kann hier nachgegangen werden.

Zudem können Games als Safe Spaces dienen, in denen Kinder wortwörtlich „ihre Maske fallen lassen können“. Das gerade bei Menschen auf dem Autismus-Spektrum vorkommende Masking, also das übermäßige Anpassen an soziale Normen und Verhaltensweisen, um nicht negativ aufzufallen, obwohl es eigentlich der eigenen Natur widerspricht, kann auf Dauer sehr belastend und anstrengend sein. Deswegen sind Räume wichtig, in denen sich gerade junge Menschen von diesem oft schmerzhaften Verhaltensmuster befreien können. Games bieten so einen Ort gleich in vielerlei Hinsicht.

Positive Effekte von Gaming für neurodivergente Kinder und Jugendliche

In Spielen wie Minecraft oder Roblox wird den Spielenden die volle Entscheidungsgewalt über das eigene Handeln überlassen. Reize wie Lautstärke oder Helligkeit können oft nach den eigenen Wünschen und Bedürfnissen mit ein paar wenigen Klicks angepasst werden. In ihrem Tempo, mit ihrem Fokus und mit ihren Mitteln können Kinder die digitale Welt um sich herum erkunden, entdecken und gestalten – eine Fähigkeit, die sie sich in der echten Welt häufig noch nicht zutrauen. Somit können Spiele auch dabei helfen, die eigene Selbstwirksamkeit der Kinder zu stärken, was sich dann wiederum positiv auf das analoge Leben auswirken kann. Auch das Trainieren von Fehlern (und einer damit verbundenen Resilienz) sowie der eigenen Frustrationstoleranz sind wichtige Werkzeuge, die neurodivergente Kinder sich durch das bewusste Spielen von geeigneten Videospielen aneignen können.

Zudem sind für neurodivergente Menschen häufig soziale Interaktionen im digitalen Raum angenehmer, da sie nicht sofort reagieren oder antworten müssen und daher weniger soziale Energie dafür verbrauchen müssen. Da der Anteil neurodivergenter Gamer und Gamerinnen als sehr hoch eingeschätzt werden kann, ist es für betroffene Kinder und Jugendliche ebenfalls wahrscheinlicher, auf Spieleplattformen oder in Online-Games Gleichgesinnte im selben Alter zu treffen, sich mit diesen über die eigenen Spezialinteressen auszutauschen und Freundschaften schließen zu können. Aber auch für bestehende Freundschaften haben Multiplayer-Spiele einen klaren Vorteil: Für viele neurodivergente Kinder (vor allem mit ADHS) ist es schwierig, Freundschaften aus eigener Kraft aufrechtzuerhalten. Ein regelmäßiges Online-Treffen zum Spielen mit den besten Freunden oder Freundinnen kann hierbei Abhilfe schaffen.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Emotionsregulierung. Kinder mit Angstzuständen, Panikattacken oder Meltdowns können im besten Fall durch speziell ausgewählte Games wieder beruhigt werden. Hierfür eignen sich besonders sogenannte Cozy Games, die sich durch ruhiges, stressfreies Gameplay auszeichnen und keine hektischen, schnellen Aktionen beinhalten. Indem bewusst keine Spannung erzeugt wird, können Spielende sich in entspannten, repetitiven Aufgaben verlieren. Dies kann besonders auf autistische Gehirne einen beruhigenden Effekt haben. In unserem Gamecheck haben wir ein solches Cozy Game schon getestet: Spilled. Hier gehts zur ausführlichen Review.

Wenn beim Gamen alles zu viel wird

Trotz allem ist es wichtig, auf einen bewussten und gesunden Umgang mit Videospielen bei Kindern und Jugendlichen zu achten. Besonders bei neurodivergenten Heranwachsenden kann es passieren, dass die digitale Gaming-Welt zum einzigen Zufluchtsort wird, an dem sie das Gefühl haben, sich nicht verstellen zu müssen. Deswegen sind sie besonders anfällig dafür, eine Computerspielsucht zu entwickeln, da sie infolgedessen möglichst viel Zeit auf den entsprechenden Plattformen verbringen wollen und alles andere vernachlässigen können. Somit ist es unabdingbar, neurodivergenten Kindern auch Rückzugsorte außerhalb der digitalen Welt zu schaffen, in denen sie ganz sie selbst sein können – und ihnen das Gefühl zu geben, das sie genau so richtig sind, wie sie sind.

Neurodivergente Kinder und Jugendliche unterstützen

Eltern und pädagogische Fachkräfte können unter anderem dadurch unterstützen, indem sie sich darüber informieren, welche Spiele besonders für neurodivergente Kinder geeignet sind und diese – werden sie in einem geschützten und bewusst beschränkten Rahmen eingesetzt – als etwas Positives sehen. Zudem können sie dabei helfen, individuelle Bedürfnisse zu berücksichtigen und Reize zu minimieren, indem sie zum Beispiel in den Einstellungen bestimmte Settings anpassen oder Spiele mit zu vielen Stimuli, erschreckenden Szenen oder moralischen Dilemmata aus der Bibliothek entfernen. Neben der Auswahl und Anpassung geeigneter Spiele ist der Austausch mit anderen neurodivergenten Kindern und Jugendlichen im Umfeld sowie die Beschäftigung mit den Hobbys und Spielen der Kinder relevant, um das Spielerlebnis für alle zu verbessern. Wenn ein Kind in Therapie geht, könnte es daher sinnvoll sein, das Hobby Gaming in die Behandlung miteinzubeziehen. So kann Schritt für Schritt eine inklusivere Welt geschaffen werden – digital wie analog.

Hinweis: Die Bilder dieses Beitrags wurden mit Hilfe von künstlicher Intelligenz erstellt.

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