GameFrame
3. November 2026

Der Einfluss von Gaming-Vorbildern auf das Spielverhalten von Kindern

Erst zuschauen, dann nachspielen? Wie Gaming-Influencerinnen und -Influencer das Spielverhalten von Kindern prägen

von Hannah Wrobel

„Hast du den Stream gestern gesehen?“

Wer in der großen Schulpause genau hinhört, merkt schnell, was Schülerinnen und Schüler beschäftigt. Gesprochen wird über den Minecraft-Fortschritt eines YouTubers oder einer YouTuberin, über einen Fortnite-Skin oder über ein neues Roblox-Spiel, das auf einmal die ganze Klasse interessiert. Diese Gesprächsthemen entstehen meist gar nicht durch das Spiel selbst, sondern entwickeln sich durch Streams auf Plattformen wie YouTube, Twitch oder TikTok, bei denen die Kinder zuschauen. Auf Streaming-Plattformen wie diesen zeigen Gaming-Influencerinnen und -Influencer, was sie gerade spielen und welche Themen in der Gaming-Welt aktuell sind.

Wie genau Streamer und Streamerinnen ihre Reichweite nutzen, wurde bereits in einem früheren GameFrame-Beitrag vorgestellt. Dieser Beitrag soll nun jedoch betrachten, wie Gaming-Influencerinnen und -Influencer den Spielalltag von Kindern und Jugendlichen prägen und wo Eltern genauer hinsehen sollten.

Wer genau sind Gaming-Influencer und -Influencerinnen und wer schaut ihnen zu?

Gaming-Influencerinnen und -Influencer sind Personen, die mit Videos und Livestreams rund um das Thema Videospiele eine große Fangemeinde und Reichweite aufgebaut haben. Wie sie genau ihren Inhalt aufbauen, unterscheidet sich jedoch von Person zu Person. Manche von ihnen laden geschnittene Let’s Plays auf YouTube hoch, andere streamen live auf Twitch oder erstellen kurze Clips auf YouTube Shorts oder TikTok. Die meisten Gaming-Influencerinnen und -Influencer sind jedoch auf mehreren Plattformen gleichzeitig unterwegs und haben einen zusätzlichen Discord-Server, auf dem sich ihre Community austauschen und miteinander interagieren kann.

Wie groß ihre Bedeutung wirklich ist, zeigt die JIM-Studie von 2025. Die Studie weist darauf hin, dass drei Viertel der 12- bis 19-Jährigen die Plattform YouTube regelmäßig benutzen. Bei den Jungen sind sogar mehr als die Hälfte (57%) täglich auf ihr unterwegs. Fragt man nach den liebsten Influencerinnen und Influencern, stehen bei den Jungen Papaplatte, Paluten und BastiGHG ganz oben, allesamt Influencer die einen starken Gaming-Bezug haben. Paluten und BastiGHG sind vor allem durch Minecraft bekannt geworden. Passend dazu wird Minecraft laut Studie mit Abstand am häufigsten als Lieblingsspiel genannt, gefolgt von Fortnite und Roblox.

Was im Stream läuft, wird gespielt

Für viele Kinder funktionieren Gaming-Influencerinnen und -Influencer wie eine Art von Nachrichtensystem. Wer regelmäßig zuschaut, erfährt, welche Spiele gerade angesagt sind und welche Updates oder Spielmodi die Community cool findet. Ein Beispiel dabei wäre Roblox. Laut dem Analysedienst Stream Hatchet war Roblox 2025 das meistgeschaute Spiel in Livestreams auf YouTube. Die Zahl der geschauten Stunden hat sich dabei gegenüber dem Vorjahr fast vervierfacht. Laut der JIM-Studie hat sich im gleichen Zeitraum der Anteil der Jugendlichen verdoppelt, die Roblox zu ihren Lieblingsspielen zählen (von sechs auf zwölf Prozent). Dass das eine das andere ausgelöst hat, lässt sich daraus zwar nicht belegen, es zeigt jedoch, wie stark Zuschauen und Spielen inzwischen korrelieren.

Dies bedeutet also, wer das neue Video nicht kennt, ist schnell außen vor, was zusätzlich soziale Auswirkungen hat. Sprüche, Insider und Memes aus Streams wandern direkt in die Klassengruppe und in die große Pause. Auch deshalb wollen viele Kinder immer auf dem neuesten Stand bleiben.

Wenn der Stream oder das Video zur Spielanleitung wird

Influencerinnen und Influencer prägen auch, wie genau gespielt wird. Viele Kinder bauen zum Beispiel die Minecraft-Welten nach, die sie in einem Video gesehen haben, oder übernehmen die Ansätze und Methoden ihrer Vorbilder. In Tutorials und Let’s Plays sehen sie Schritt für Schritt, wie man ein schwieriges Level schafft oder ein Bauwerk nachbaut. Manche Kinder entdecken dabei sogar den Wunsch, selbst Videos zu drehen und zu schneiden, und lernen so ganz nebenbei einiges über den Umgang mit digitalen Medien.

Mitgelernt werden allerdings auch Verhaltensweisen. Wenn eine bekannte Streamerin oder ein bekannter Streamer nach einer verlorenen Runde laut flucht oder Mitspielende im Chat beleidigt, wirkt das schnell normal. Manche Kinder übernehmen solche Verhaltensweisen dann auch beim eigenen Spielen. Gaming-Influencerinnen und -Influencer sind deshalb nicht nur positive Vorbilder, die die Kreativität der Kinder stärken. Das Problem dabei ist, dass Videos meist nur die Highlights eines Streams zeigen. Dass hinter einem beeindruckenden Bauprojekt in Minecraft viele Stunden Arbeit stecken oder das Setup sehr viel Geld gekostet hat, sehen Kinder nicht. Im Vergleich dazu kann die eigene Spielwelt schnell unspektakulär wirken und enttäuschen.

Die Altersfreigabe gilt fürs Spiel, aber nicht fürs Video oder den Stream

Eine weitere Problematik: Vielen Eltern ist nicht bewusst, dass die USK-Freigabe nur für das Spiel gilt, nicht für Videos oder Streams in denen das Spiel gespielt wird, und dass hier genauer drauf geachtet werden muss, was sich das Kind anschaut. Ein Zehnjähriger oder eine Zehnjährige darf GTA zwar nicht spielen, kann aber problemlos stundenlang zuschauen, wie es eine Streamerin oder ein Streamer spielt. Gerade Horror- und Shooter-Spiele sind bei vielen Influencerinnen und Influencern beliebte Spiele, und so passiert es, dass Inhalte im Kinderzimmer landen, die erst ab 16 oder 18 Jahren freigegeben sind.

In Bezug auf die Altersfreigabe hat YouTube seine Regeln im November 2025 verschärft. Gaming-Videos mit besonders drastischer Gewalt gegen realistisch dargestellte Menschen können seitdem nur noch für eingeloggte und volljährige Nutzerinnen und Nutzer freigeschaltet werden. Auch auf Twitch gibt es Inhaltskennzeichnungen für Streams, in denen beispielsweise Spiele für Erwachsene oder Gewaltdarstellungen vorkommen. Grundsätzlich ist das Mindestalter auf Twitch 13 Jahre. Wer zwischen 13 und 18 Jahre alt ist darf Twitch nur unter der Aufsicht eines Elternteils oder Vormundes nutzen. Einen vollständigen Schutz bietet das jedoch nicht, da viele Ausschnitte auch auf anderen Plattformen weiterverbreitet werden und sich Altersangaben bei der Anmeldung leicht umgehen lassen.

Mitbezahlen über Creator-Codes und Pack-Openings

Am direktesten zeigt sich der Einfluss der Gaming-Influencerinnen und -Influencern beim Geld. In Fortnite können Spieler und Spielerinnen im Shop einen sogenannten Creator-Code von einer Creatorin oder einem Creator eingeben. Bei jedem Kauf mit V-Bucks (virtuelle Währung von Fortnite) geht dann ein kleiner Anteil an diese Person. Vergleichbare Systeme gibt es auch in anderen Spielen wie Brawl Stars oder Clash Royale. Für Kinder fühlt sich so ein Kauf dann wie eine Unterstützung für das eigene Vorbild an. Viele Creatorinnen und Creator blenden ihren Code zudem noch in Videos ein oder erwähnen ihn im Stream, was zusätzlich zum Kaufen anregt.

Noch kritischer sind sogenannte Pack-Openings, zum Beispiel im Fußballspiel EA Sports FC (früher FIFA). In solchen Videos öffnen Influencerinnen und Influencer reihenweise Lootboxen oder Kartenpacks und feiern seltene Ziehungen, wie etwa einen besonders guten Fußballspieler. Was dabei jedoch kaum sichtbar wird, ist, wie viel Geld insgesamt für diese Öffnungen ausgegeben werden musste und wie oft die Packs nichts Besonderes enthielten. Fachkräfte aus der Suchthilfe warnen deshalb, dass solche Videos Lootboxen gerade bei jungen Zuschauenden verharmlosen.

Was Eltern tun können

Die Videos und Streams einfach komplett zu verbieten, ist meist keine gute Lösung, da sie für viele Kinder inzwischen fest zum Alltag und zu ihrem sozialen Umfeld dazugehören. Viel sinnvoller ist es, wenn Eltern und pädagogische Fachkräfte versuchen die Interessen der Kinder nachzuvollziehen. Wer sich zum Beispiel ein Video gemeinsam mit dem Kind anschaut und nachfragt, was ihm daran so gut gefällt, bekommt schnell ein Gefühl dafür, welche Rolle die Creatorin oder der Creator für das Kind spielt und wie er oder sie Einfluss nimmt.

Hilfreich sind außerdem klare Absprachen innerhalb der Familie, etwa welche Kanäle zum Alter passen und inwiefern Ingame-Käufe erlaubt sind. Auf Konsolen, in App-Stores und bei YouTube lassen sich zudem auch Jugendschutz- und Kaufeinstellungen entsprechend anpassen.

Familien können zudem die Familien-Checklisten von klicksafe für Twitch, YouTube und TikTok nutzen, die einen guten Einstieg für das Gespräch mit den eigenen Kindern liefern. Auch die Medienpädagoginnen und Medienpädagogen der ComputerSpielSchule beraten Eltern gerne individuell bei Fragen oder Problemen zum Thema.

Zuschauen gehört längst zum Spielen dazu

Gaming-Influencerinnen und -Influencer bestimmen stark mit, welche Spiele in der großen Pause Thema sind. Sie wecken bei vielen Kindern die Lust aufs Ausprobieren, beeinflussen aber gleichzeitig auch ihr Verhalten und ihre Kaufentscheidungen. So landen manchmal Spiele im Kinderzimmer, die dort eigentlich noch nichts zu suchen haben.

Entscheidend ist im Endeffekt, ob Kinder einordnen können, was sie sehen. Hinter dem lockeren Stream auf Augenhöhe steht ein Geschäftsmodell. Und nur weil das Vorbild ein Spiel spielt, ist es noch lange nicht für jedes Kind geeignet. Diese Einordnung zu begleiten, ist eine wichtige Aufgabe für Eltern und pädagogische Fachkräfte gleichermaßen.

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