„Gaming ist Männersache!?“ Warum das Klischee längst überholt ist
von Jana Schäfer
„Ich kann mir ein Leben ohne Video- oder Computerspiele nicht mehr vorstellen.“ Das sagen laut einer aktuellen Studie von Bitkom e.V. rund 45 Prozent der Deutschen. Gaming gehört für viele Menschen längst zum Alltag und ist schon lange kein Nischenhobby mehr. Laut aktuellen Zahlen spielen 52 Prozent der Deutschen zumindest hin und wieder Videospiele. Gaming ist damit nicht nur Unterhaltung, sondern auch ein digitaler Kultur- und Sozialraum, in dem sich Millionen Menschen bewegen.
Trotzdem hält sich ein hartnäckiges Klischee: Gaming gilt oft noch immer als „Männersache“. Wer an Gamerinnen und Gamer denkt, hat häufig das Bild junger Männer mit Headset und Controller vor Augen. Auch in Werbung, Streaming-Kultur oder im E-Sport sind Männer oft sichtbarer vertreten. Dadurch wird Gaming gesellschaftlich weiterhin häufig männlich gelesen, obwohl die Realität inzwischen deutlich vielfältiger aussieht.
Die Realität des Gamings: Frauen spielen genauso häufig Videospiele
Ein Blick auf aktuelle Studien zeigt: Das Klischee vom „männlichen Gamer“ ist längst überholt. So zeigt eine Studie des Pew Research Center, dass gleich viele Männer wie Frauen grundsätzlich Videospiele spielen. Männer bezeichnen sich allerdings deutlich häufiger selbst als „Gamer“. Genau hier zeigt sich bereits ein wichtiger Unterschied zwischen tatsächlichem Spielverhalten und gesellschaftlicher Wahrnehmung.
Auch aktuelle Zahlen aus Deutschland bestätigen dieses Bild: Laut der aktuellen Studie des Bitkom e.V. spielen nahezu genauso viele Frauen wie Männer Videospiele. Teilweise verbringen Frauen laut Erhebungen sogar mehr Zeit mit Gaming als Männer, durchschnittlich 2,2 Stunden täglich gegenüber 1,9 Stunden bei Männern.
Besonders deutlich wird die Bedeutung von Gaming auch bei jungen Menschen. Die JIM-Studie 2025 zeigt, dass Gaming für 71 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen ein fester Bestandteil ihres Alltags ist. Videospiele sind damit ein wichtiger Teil jugendlicher Mediennutzung, unabhängig vom Geschlecht.
Woher kommt das Klischee vom männlichen Gamer?
Obwohl die Studienlage deutlich macht, dass es im Spielverhalten und -häufigkeit keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern gibt, hält sich das Bild vom „männlichen Gamer“ erstaunlich hartnäckig. Dafür gibt es mehrere Gründe:
Zum einen prägen Medien, Werbung und Popkultur seit Jahrzehnten ein sehr einseitiges Bild von Gaming. Lange Zeit richtete sich die Spieleindustrie vor allem an junge Männer. Viele Werbekampagnen, Spielemagazine oder E-Sport-Formate stellten überwiegend männliche Spieler in den Mittelpunkt. Dieses Bild prägte nicht nur Generationen, sondern wirkt bis heute nach, selbst wenn die Realität inzwischen vielfältiger aussieht.
Hinzu kommt, dass Männer sich häufiger selbst aktiv als „Gamer“ bezeichnen. Frauen spielen zwar genauso oft, identifizieren sich aber seltener mit diesem Begriff oder beschreiben damit ihr Hobby. Das liegt unter anderem daran, dass die Bezeichnung „Gamer“ gesellschaftlich oft noch mit bestimmten Vorstellungen verbunden wird: technikaffin, kompetitiv, männlich. Wer nicht diesem Bild entspricht, fühlt sich teilweise weniger angesprochen oder wird von außen weniger ernst genommen.
Warum viele Spielerinnen unsichtbar bleiben
Auch Online-Communities spielen eine Rolle. Frauen erleben in Multiplayer-Spielen oder auf Streaming-Plattformen häufig Sexismus, abwertende Kommentare oder Zweifel an ihren Fähigkeiten. Manche Spielerinnen vermeiden deshalb bewusst öffentliche Sichtbarkeit oder kommunizieren ihr Geschlecht online gar nicht erst offen. Dadurch entsteht schnell der Eindruck, Gaming sei weiterhin überwiegend männlich geprägt, obwohl viele Frauen längst dazugehören und Teil der Community sind.
Zudem werden bestimmte Formen des Gamings gesellschaftlich unterschiedlich bewertet. Mobile Games, Social Games oder Cozy Games - Genres, die häufig auch von Frauen gespielt werden - gelten oft als „weniger echtes Gaming“ im Vergleich zu kompetitiven Online- oder Actionspielen. Dadurch werden viele Spielerinnen in der öffentlichen Wahrnehmung weniger ernst genommen und unsichtbar gemacht.
Das Klischee hält sich also nicht wegen fehlender Zahlen oder Fakten, sondern vor allem wegen alter Rollenbilder, gesellschaftlicher Wahrnehmung und einer Gaming-Kultur, die Vielfalt noch nicht überall selbstverständlich sichtbar macht und gleich behandelt.
Wie Geschlechterrollen das Aufwachsen prägen
Aus medienpädagogischer Sicht zeigt sich schon seit Jahren: Mädchen und Jungen spielen im Heranwachsen grundsätzlich gleichermaßen Videospiele. Unterschiede zeigen sich bei Genrevorlieben, Spielmotiven oder Spielverhalten: Während Jungen häufiger kompetitive oder actionorientierte Spiele nutzen, greifen Mädchen öfter zu sozialen, kreativen oder storybasierten Games, fasst Kulturwissenschaftlerin Dr. Sabine Hahn für die Stiftung digitaler Spielkultur zusammen. Solche Unterschiede gelten jedoch nicht als biologisch bedingt, sondern entstehen vor allem durch gesellschaftliche Erwartungen und geschlechterspezifische Sozialisation.
Schon früh lernen Kinder oft unbewusst, welche Interessen „typisch weiblich“ oder „typisch männlich“ seien. Technik, Wettbewerb und Gaming werden dabei noch immer häufiger Jungen zugeschrieben. Mädchen bekommen dagegen teilweise weniger Zugang zu Konsolen, technischen Geräten oder Gaming-Communities. Dadurch entstehen Unterschiede nicht zwangsläufig durch Interesse, sondern durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen.
Deshalb ist es wichtig, dass Kinder unabhängig vom Geschlecht die gleichen Möglichkeiten bekommen, Videospiele auszuprobieren und eigene Interessen zu entwickeln. Denn grundsätzlich gilt: Jeder kann alles spielen. Ob Fußballsimulation, Strategiespiel, Cozy Game oder Shooter, Spiele sind nicht „für Jungen“ oder „für Mädchen“, sondern Teil digitaler Kultur für alle.
Gaming wird vielfältiger - die Branche nicht immer
Gleichzeitig zeigt sich ein weiteres Problem: Während die Nutzung von Videospielen heute deutlich vielfältiger geworden ist, spiegelt die Spielebranche diese Vielfalt nicht immer ausreichend wider. Viele Games setzen noch immer auf stereotype Rollenbilder, sexualisierte weibliche Figuren oder männlich dominierte Hauptcharaktere. Auch toxische Kommunikation in Online-Communities oder fehlende Diversität in Entwicklerstudios können dazu beitragen, dass sich nicht alle Spielenden gleichermaßen angesprochen oder willkommen fühlen.
Diese Entwicklungen zeigen, dass es beim Thema Gaming und Geschlecht längst nicht mehr nur um die Frage geht, wer spielt. Vielmehr rücken zunehmend weiterführende Themen in den Fokus, etwa Diversität in Spielen, Repräsentation, Community-Kultur und die Frage, wie inklusiv die Gaming-Branche tatsächlich ist.
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